Das Hospital von Dystopia

Stanislaw Lems Weg vom “Hospital der Verklärung” zu “Solaris” - ein Nachruf auf ihn

René Talbot

Am 27. März 2006 ist Stanislaw Lem im Alter von 84 Jahren verstorben. Er war der berühmteste polnische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Wir haben als Menschen, die den Terror der Psychiatrie kennengelernt haben, ein besonderes Interesse an diesem Schriftsteller, ist er doch unseres Wissens der Einzige, der in einem Roman die systematischen Morde in den Psychiatrien von 1939 bis 1948 literarisch verarbeitet hat, die in Deutschland immer noch mit dem Nazi-Euphemismus "Euthanasie" beschönigt werden. Diesen nach seinem eigenen Bekunden ersten Roman schrieb Stanislaw Lem 1948.

Der Titel des Buches ist "Das Hospital der Verklärung" (1997, Suhrkamp Taschenbuch 2793). Allerdings konnte Lem den Roman wegen der polnisch-kommunistischen Zensur nicht veröffentlichen, sondern mußte den Text über Jahre hinweg umschreiben und ergänzen. Erst 1955, unter gelockerten Zensurbestimmungen, wurde das Werk in Polen veröffentlicht. Es ist 1959 in der DDR erstmals auf Deutsch erschienen und wurde 1982 und 1998 im Suhrkamp Verlag als Taschenbuch wieder herausgebracht. In ihm tritt ein junger Arzt namens Stefan seine Stellung in einer Psychiatrie an, und schon bald wird ihm die besondere Atmosphäre an diesem Ort bewußt. Er beobachtet diese seltsame Umwelt mit Verwirrung und hat mehr und mehr das Gefühl, Mitverantwortung zu tragen. Der Einbruch der Brutalität durch SS-Truppen, die das Krankenhaus besetzen und die Insassen liquidieren, läßt alle Fassaden der Konventionalität zwischen den Kollegen zusammenstürzen.

In den Nachrufen auf Stanislaw Lem wird dieses Werk oft unterschlagen, obwohl es unserer Ansicht nach der wesentliche Schlüssel zu Lems Lebenswerk ist, da es in Lems eigenen Worten "meine Erfahrungen aus der Zeit des Krieges und der Okkupation enthielt, allerdings nicht autobiographische Elemente, sondern nur den Versuch, meinem damaligen Verhältnis zur erkannten Welt Ausdruck zu verleihen."

Als Polen von Deutschland besetzt war, konnte Lem als verfolgter Jude mit falschen Papieren als Automechaniker überleben und gehörte dem polnischen Widerstand an. Sein Vater war Hals-Nasen-Ohrenarzt und Lem studierte mit zweimaliger Unterbrechung Medizin. Er erhielt auch das Zertifikat für die vollständige Absolvierung seines Studiums, aber das letzte Examen zum Doktorat verweigerte er, um einer Karriere als Militärarzt zu entgehen. Danach wollte Lem nie mehr als Mediziner arbeiten.

Stanislaw Lem wurde einem internationalen Publikum danach durch seine Science-Fiction Romane bekannt. Dabei spielte "Solaris" durch zwei Verfilmungen eine besondere Rolle, obwohl er beide für mißraten hielt. Dadurch, dass er eben keine technischen Phantasien affirmativ als Utopien darstellte, sondern eher düstere soziale Projektionen der Zukunft entwickelte, hat er - ähnlich wie auch Philip K. Dick - überhaupt erst literarische Qualität in das Genre Science-Fiction gebracht. So schreibt die Süddeutsche in ihrem Nachruf:

Lem verfügte über fundierte naturwissenschaftliche Kenntnisse, die er in seinen Romanen und Erzählungen eindrucksvoll mit philosophischen und moralischen Problemstellungen zu einer zeitkritischen Utopie verknüpfte.

Dabei wich eine anfängliche Technik-Faszination immer mehr einem skeptischen Menschheits-Pessimismus. Zu Weltruhm aber gelangte er als Meister der seriösen und intelligenten Science-Fiction-Literatur, in der er die Einflußnahme der Technik auf die geistige Welt schilderte.

Dem Autor Marcus Hammerschmitt gelingen literarische Science-Fiction-Roman ebenfalls. Er schreibt in seinem Nachruf auf Stanislaw Lem in der schweizer Zeitung "Sonntagsblick":

Aber was war es genau, was mich so elektrisierte? Heute würde ich sagen: die Kühnheit Lems. Der Mut, mit dem er einer wenig attraktiven, epigonalen und manchmal sterilen Literaturform Vision, Poesie, literarische Genauigkeit beibrachte.

Wie er da hin ging und sagte: Euch zeige ich, dass bestimmte Erfahrungen und Konstellationen unseres Zeitalters überhaupt nur im Rahmen der Science Fiction verhandelbar sind, und nirgendwo sonst. Euch zeige ich, wie das absolut Fremde in der Literatur benannt und beschworen werden kann, ohne dass man zu billigen Kostüm- und Theatertricks greifen muss. Ich stelle dar, wie es Menschen in einer Welt geht, die nicht für Menschen gemacht ist, die uns zwar auf höchst unklare und manchmal tief verstörende Weise entgegen kommt, aber von der nicht zu sagen ist, ob sie uns auf Dauer auch nur toleriert.

Dass Lem die Kühnheit besass, all dies in einem repressiven Gesellschaftssystem zu sagen, das dann doch flexibel und vernünftig genug war, ihn an diesem Punkt gewähren zu lassen, lernte ich erst später zu schätzen. Und das war Lems Lebensprogramm: unter einengenden Umständen für seine Leserschaft die Moderne in all ihren erschreckenden Facetten einzuholen und in Literatur zu übersetzen, ob diese Leserschaft das nun unbedingt zu schätzen wusste oder nicht.

Dieses Lebensprogramm hatte, sozusagen logischerweise, seinen Ausgangpunkt in dem Wissen um systematischen medizinischen Massenmord. Die Utopie der Moderne, die medizinische Utopie vom gesunden Körper, und - noch viel wichtiger - dem darin angeblich wohnenden gesunden, weil vernünftigen, Geist, ist tatsächlich eine Utopie, deren politische Dimension die Ärzte-Nazis mit ihrem Phantasma eines gesunden Volkskörper mörderisch verwirklicht haben.

Die Kenntnis dieses Grauens, das er in seinem depüt Roman verarbeitete, hat Lem befähigt die Abgründe moderner Fiction hinter möglicherweise mit guten Absichten entwickelten technisch/wissenschaftlichen Phantasien zu sehen und zu beschreiben.

(Aus Dissidentenfunk, 13.4.2006)

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